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Gerlinde Mehlhorn / Hans-Georg Mehlhorn: 1. Schaffung theoretischer Grundlagen ab 1969 a. pädagogische Forschungen: 1969 1973 / 74: Erarbeitung von Trainingsprogrammen zur Entwicklung und Förderung kreativen Denkens (Publikationen: Mehlhorn / Mehlhorn: Ideenschule; Mehlhorn / Mehlhorn: Heureka Methoden des Erfindens) sowie Erarbeitung und Erprobung von speziellen Lehrprogrammen zur Entwicklung schöpferischen / kreativen Denkens (Publikation: Mehlhorn/Mehlhorn: Untersuchungen zum schöpferischen Denken bei Schülern, Lehrlingen und Studenten). Hauptergebnisse: Kreativität ist in jedem Alter und über unterschiedliche Strategien entwickel- und förderbar, erfordert aber in unterschiedlichen Alters- und soziologischen Gruppen spezielle pädagogische Vorgehensweisen. Je höher die allgemeine geistige Leistungsfähigkeit (Intelligenz) der Personen, umso größer auch die Wahrscheinlichkeit, zu breiter wirksamen schöpferischen Leistungen zu gelangen, in der Regel ist ein IQ von 120 die Basis für überragende und welthistorisch neue Leistungen (Intelligenzschwellenhypothese). b. psychologische Forschungen: ab 1971: Untersuchungen zur Entwicklung der geistigen Leistungsfähigkeit und deren Determinanten in umfangreichen Längsschnittforschungen (am bedeutendsten: Intervallstudie Schüler des ZIJ) vom 6. bis 24. Lebensjahr (Publikation: Mehlhorn / Mehlhorn: Intelligenz Zur Erforschung und Entwicklung geistiger Fähigkeiten; H.-G. Mehlhorn: Auf dem Wege zu einer dynamischen Intelligenztheorie). Hauptergebnisse: Intelligenzentwicklung ist erheblich genetisch determiniert, die Ausschöpfung des individuellen Potenzials ist aber vorrangig von der Qualität der pädagogischen Tätigkeit in Kindergarten und Schule abhängig - familiäre und soziale Defizite sind durch einfühlsames pädagogisches Handeln und Gestaltung einer fordernden und fördernden sozialen Umwelt umfassend behebbar, wie sie sich andererseits durch unzureichende pädagogische Arbeit und unzureichende soziale Umwelt verstärken. Als damals erzielte Forschungsergebnisse zum intellektuellen Bereich seien zu nennen: Intelligenzentwicklungen vollziehen sich generell und in Gesamt- bzw. Teilpopulationen bis zum Ende des systematischen Bildungsprozesses (damaliger Erkenntnisstand, Ende der sechziger Jahre: Intelligenztestnormen endeten mit ca. 15 Jahren, weil keine weitere Entwicklung nach dem 15. Lebensjahr bekannt war). Wir ermittelten einen kontinuierlichen Anstieg bis Ende des 10. Schuljahres, danach bildungsstufen- und bildungsintensitätsabhängig. Die Intelligenztestleistungen verändern sich in Gesamtpopulationen, in der Regel steigen sie an in Abhängigkeit von den Anforderungen in der gesellschaftlichen Umwelt der Population. Auch in Tests wie Ravens Progressive Matrizen können umweltverursachte Steigerungen nachgewiesen werden (damaliger Erkenntnisstand durch A.R. Jensen, USA: kein Anstieg in diesem Test trotz aller Bemühungen nachweisbar, folglich IQ seit Geburt relativ stabil und sehr umweltresistent). Entwickelt und präzisiert wurden in diesem Zeitraum durch entsprechende Forschungen: das 5-dimensionale Begabungsstrukturmodell sowie der Interaktion dieser Dimensionen für Kreativitätsentwicklung und -förderung das Modell der Kontinuität und Diskontinuität der Begabungsentwicklung das Modell der Begabungsentwicklung, -diagnose und -förderung als Stufen und zugleich als Einheit das Modell: Kreativität als Kern jeder entwickelten Begabung und zugleich als herausragende Chance im Begabungsentwicklungsprozess und die Position: Kreativitätsförderung verlangt die Betrachtung des Individuums als biopsychosoziale Einheit sowie die Betrachtung der Intelligenz als dynamisches Phänomen unzureichend ist die Favorisierung allein der so genannten Intelligenzschwellenhypothese (siehe unter a.). In Zusammenarbeit mit V. Weiß wurde den biologisch determinierten Basiskomponenten geistiger Leistungsfähigkeit eine stärkere Aufmerksamkeit gewidmet (z. B. weitgehend angeborenes allgemeines Aktivitätsniveau in Literatur auch als angeborene Temperamente, angeborenes Stimulationsbedürfnis u. a. zu finden , Kurzzeitspeicherkapazität, Informationsverarbeitungsgeschwindigkeit, Informationsaufnahmegeschwindigkeit bzw. annähernd gegensätzlich ausgedrückt die Zeiteinheit des Informationszerfalls sowie die Fähigkeit des Organismus zur adäquaten Codierung und Decodierung von Informationen im Gehirn bzw. zur Informationsselektion. Je höher diese Basiskomponenten ausgeprägt sind, umso höher ist die Potenz zur geistigen und insbesondere kreativen Leistungsfähigkeit. c. soziologische Forschungen: ab 1975: Vergleichsuntersuchungen unter soziologisch homogenen Gruppen, (graduell) differenziert nach Merkmalen hoher, insbesondere schöpferischer Leistungsfähigkeit / bzw. -ergebnissen, um jeweils herauszufinden, was in jeder soziologischen Gruppe den Unterschied ihrer schöpferischen Leistungsfähigkeit verursacht bzw. mitverursacht: Schüler (repräsentativ) Schüler an Spezialschulen Teilnehmer und Sieger von nationalen und internationalen Olympiaden (Mathematik; Physik; Chemie) Studenten (repräsentativ) Studenten mit sehr guten Leistungsergebnissen Studenten mit schöpferisch/kreativen Ergebnissen Lehrlinge und Facharbeiter (repräsentativ) Lehrlinge und Facharbeiter mit als schöpferisch bewerteten Ergebnissen Ideenträger und fachliche Betreuer dieser Ergebnisse Ingenieure (repräsentativ) Erfinder DDR-beste Erfinder nach national und internationalen Nutzen der Erfindung Wissenschaftler (repräsentativ) Spitzenwissenschaftler aufgrund nationaler und internationaler Reputation biografische Interviews und Analysen von Biografien international besonders schöpferisch erfolgreicher Wissenschaftler und Künstler (DDR und international bis hin zu Nobelpreisträgern aus biografischen Analysen) (Publikationen: Mehlhorn / Mehlhorn: Das Geheimnis des Erfolgs; Mehlhorn / Mehlhorn: Neuerer im Prisma der Forschung; Mehlhorn/Mehlhorn, Spitzenleistungen im Studium; Mehlhorn / Mehlhorn, Begabung Schöpfertum Persönlichkeit; H.-G. Mehlhorn: Persönlichkeitsentwicklung Hochbegabter; Mehlhorn / Mehlhorn: Man wird nicht als Genie geboren populärwissenschaftlich) Hauptergebnisse: besondere / exklusive Bedeutung des frühesten und frühen Kindesalters für die Entwicklung des individuell angelegten Begabungspotenzials besondere / exklusive Bedeutung des Zusammentreffens von Anregungen zur homogenen Entwicklung aller fünf Dimensionen der Begabungsstruktur (kognitiv kommunikativ künstlerisch-ästhetisch psychomotorisch und emotional / sozial). Besonders Begabte, die in ihrem Leben unter ihren Möglichkeiten bleiben oder ihre Kreativität nicht umsetzen können, scheitern in der Regel an unzureichend entwickelten Fähigkeiten auf anderen Gebieten, nicht auf ihrem Spezialgebiet (z. B. Erfinder oder Künstler an mangelnden kommunikativen oder mangelnden sozialen Fähigkeiten usw.) besondere Bedeutung eines anregungsreichen Familienklimas im frühesten Alter, Vorschulalter und Grundschulalter, günstiger weise stark kulturell-künstlerisch geprägt besondere Bedeutung eines traditionellen »bürgerlichen Leistungsklimas« in der Familie, damit Ausprägung von Eigenschaften wie Beharrlichkeit, Einsatzbereitschaft, Anstrengungsbereitschaft, Selbstüberwindung, Nichtaufgebenwollen bei Schwierigkeiten, hohe intrinsische Leistungsmotivation besondere Bedeutung von erwachsenen bzw. älteren Partners der Heranwachsenden, egal ob Familienmitglied oder Lehrer für die Schaffung personale vermittelter Anregungen der vorwiegend intrinsisch motivierten Kinder / Jugendlichen 2. Das Leipziger Forschungsprojekt zur Kreativitäts- und Begabungsentwicklung (1985 / 88 1993) Ausgangsfragestellung: Was passiert, wenn versucht wird, allen Kindern in möglichst frühem Alter eine solche Umwelt mit vergleichbaren Anregungen zu schaffen, wie sie die kreativ besonders erfolgreichen Persönlichkeiten in ihrer Mehrheit besaßen? Alter / Grundidee: Kindergartenalter; Repräsentative Auswahl der Kindergartengruppen; ausreichend große Stichprobe; Anregungen durch Einbeziehen von erfahrenen Experten unterschiedlicher Fachbereiche vorrangig Kunst, nicht ausschließlich in die konkrete Arbeit mit den Kindern; Qualifizierung der Erzieherinnen, analoge Anregungen zu geben; langfristig anlegen, bis zum Ende des 4. Schuljahres in den Schulen weiterführen. Ergänzung der theoretischen Positionen: Die theoretischen Positionen wurden und werden permanent überprüft und ergänzt. Wichtige Ergänzungen/Bestätigungen seit Ende der achtziger Jahre: Nutzung beider Hirnhemisphären, insbesondere der rechten (Hirnlateralitätsforschung) Nutzung der sensiblen Phasen seit frühestem Lebensalter Entwicklungsanregungen für die Bildung der »Architektur des Gehirns« (W. Singer) Bedeutung frühen Lernens, insbesondere auch für sicheren Fremdsprachenerwerb bei veränderter Methodik Die theoretischen Positionen liegen der Arbeit der Kreativitätseinrichtungen (gegründet seit 1992) zugrunde und diese wiederum tragen dazu bei, die theoretischen Positionen weiter zu präzisieren. Eine Fülle von Detailfragen sind aber künftig weiter zu erforschen, auch dazu wird die Hochschule einen eigenständigen Beitrag leisten. Wenn hier nur eigene Publikationen genannt werden, dann deshalb, weil es um die Entwicklung dieses Konzepts und seine Widerspiegelung in Publikationen geht, es versteht sich von selbst, dass die Autoren immer auf eine breite Fülle wissenschaftlicher Forschungsergebnisse zurückgreifen und sich in deren Tradition sehen, wie auch eigene Forschungsergebnisse von anderen aufgegriffen und weiter differenziert oder auch weiter entwickelt wurden. Neben Publikationen anderer Forschungsgruppen betrifft dies besonders die Forschungsberichte und Publikationen der Mitarbeiter des Zentralinstituts für Jugendforschung Leipzig und die hervorragende Unterstützung des Direktors, Prof. Dr. Walter Friedrich, für diese Forschung und die Unterstützung bei der Herstellung internationaler Kontakte (besonders in der Zeit von 1970 bis 1985). |